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moments 3/2016

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moments 3/2016

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ONLY

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Das Wort „Kult“ wird viel zu inflationär

verwendet, „Mythos“ passt da schon

eher zu einem Spektakel wie jenes. Am

besten bringt es das Wort „Ausnahme-

zustand“ auf den Punkt: Nämlich dann,

wenn Tausende Menschen euphorisch

die Trasse zwischen Brescia und Rom

und wieder retour säumen. Eine Tras-

se, die seit 1927 Inbegriff des Kampfes

Mensch mit Maschine ist. Es war der

junge Graf Aymo Maggi, der dem Au-

tomobilsport besondere Würze ver-

lieh. Gemeinsam mit seinem adeligen

Freund Franco Mazzotti teilten sie die

Leidenschaft für schnelle Autos. Maggi

war einer der ersten Kunden eines Bu-

gatti 35, des Rennwagens der 20er-Jahre

schlechthin – und Maggi wusste ihn

einzusetzen. Er gewann zahlreiche lo-

kale und überregionale Titel. Was fehl-

te, war die Begeisterung der Massen für

den noch jungen – und damals eigen-

artig anmutenden – Motorsport. Die

Grafen Maggi und Mazzotti ersannen

daher gemeinsam mit ihren Mitstrei-

tern ein „Mega-Event“ der Sonderklas-

se: die Mille Miglia. Damit gelang es bis

heute zum einen ein Massenpublikum

im wahrsten Sinne des Wortes „aus

dem Häuschen“ zu locken, zum ande-

ren die internationale Rennfahrer-Elite

in die italienische Provinz zu lotsen.

Ein ganz besonderes Rennen sollte es

werden: Ein Langstreckenrennen, das

alles bisher Dagewesene in den Schat-

ten stellt und bei dem 1.000 Meilen (ca.

1.600 Kilometer) bezwungen werden

mussten. Eine Strecke, die durch his-

torische Landschaften, Kiesstraßen und

enge Gassen in den Gast-Städten führte.

Herr Maserati im Bugatti

Dieses Messen mit der Elite brachte

Aymo Maggi einen sechsten Platz bei

„seiner“ ersten Mille Miglia ein. Sein

Beifahrer – damals ebenfalls kein Un-

bekannter – Bindo Maserati, einer der

fünf Maserati-Brüder, der die nach ih-

nen benannte Edel-Sportwagenmarke

1914 in Bologna gründete. Damals galt

die Mille Miglia als das härteste Rennen

der Welt – und schrieb Rennsportge-

schichte, denn neben den 24 Stunden

von Les Mans und dem 1.000-Kilome-

ter-Rennen am Nürnburgring war die

„MM“ Gründungsveranstaltung der

Markenweltmeisterschaft.

Von 77 km/h auf

157 km/h in 28 Jahren

Der erste Sieger 1927, Ferdinando Mi-

noia, bezwang die 1.000 Meilen mit

einer Durchschnittsgeschwindigkeit

von 77 km/h. 1955 verdoppelte Sterling

Moss diesen Wert auf 157,65 km/h. Ein

bis heute unglaubliches Ergebnis, das er

auf einem Mercedes Benz 300 SLR er-

reichte, der bis dahin erst dritte Sieg

eines „nicht-italienischen“ Fahrzeuges.

Gerade einmal zehn Stunden, sieben

Minuten und 48 Sekunden benötigte

Moss für die Bewältigung des Kurses.

Heute dauert die MM ganze vier Tage,

denn nicht Raserei, sondern Gleichmä-

ßigkeit und Zuverlässigkeit stehen im

Vordergrund. Doch zuvor sollte ein

tragisches Ereignis den Motorsport-

event jäh stoppen. Am 12. Mai 1957

geriet der Spanier Alfonso de Portago

wegen eines Reifenschadens ins Schleu-

dern und fuhr in die Menschenmenge.

Zehn Personen verloren ihr Leben, da-

runter fünf Kinder. Die katholische Kir-

che forderte daher die sofortige Einstel-

lung des Rennens. Ein Schatten fiel

damit auf den gesamten Rennsport.

240

Millionen Euro

schätzt man, werden

heuer die Fahrzeuge bei

der MM wert sein. Das

entspricht in etwa dem

Jahresbudget von

Red Bull Racing.

10h 7m 48s

benötigte Sterling

Moss 1955 für die

Bewältigung der

1.600 Kilometer.

Ein Rekord für

die Ewigkeit.

157,65 km/h

betrug seine Durch-

schnittsgeschwindig-

keit, auf unbefestigten

Straßen und engen

Stadtzentren

wohlgemerkt.

Klasse und Masse. Die MM ist seit jeher ein Spektakel für die Massen. Selbst die Carabinieri in Brescia drücken da schon mal ein Auge zu, wenn ein Klassiker zum Spurt ansetzt.

Auch immer mehr Frauen erliegen

dem Charme des Corso Classico.

Dieser Triumph triumphierte leider

nie bei den 1.000 Meilen.

Modena – Ferraris Heimatstadt –

liegt natürlich auf der MM-Route.

Der Porsche 550 wurde

James Dean zum Verhängnis.

Gran Tourismo: Nirgendwo sonst

hat der Begriff mehr Charme.

Im Cockpit eines Bugatti – mit

einem Ölkanister als Beifahrer.

Was für Kunstliebhaber

der Louvre, ist für Auto-

fans die Mille Miglia.

FOTOS: MOMENTS MAGAZIN, MILLE MIGLIA

TEXT:

JÜRGEN PHILIPP